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73,5-Stunden-Woche: Kommt jetzt das Ende des Acht-Stunden-Tags?

Die Bundesregierung plant eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Kritiker:innen warnen bereits vor einer möglichen 73,5-Stunden-Woche.

VonStartup Insider3 Minuten Lesezeit
73,5-Stunden-Woche: Kommt jetzt das Ende des Acht-Stunden-Tags?

Die Bundesregierung plant eine Reform des Arbeitszeitgesetzes – und sorgt damit für massive Diskussionen. Künftig soll nicht mehr die tägliche Höchstarbeitszeit entscheidend sein, sondern allein die Wochenarbeitszeit. Kritiker:innen warnen bereits vor einer möglichen 73,5-Stunden-Woche im Extremfall.

Streit um die Zukunft der Arbeitszeit

Bislang regelt das deutsche Arbeitszeitgesetz grundsätzlich einen Acht-Stunden-Tag. In Ausnahmefällen sind bis zu zehn Stunden erlaubt, sofern der Durchschnitt innerhalb von sechs Monaten wieder auf acht Stunden sinkt. Genau diese tägliche Begrenzung könnte nun wegfallen.

Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigte an, die Reform bereits im Juni auf den Weg bringen zu wollen. Gleichzeitig soll die elektronische Arbeitszeiterfassung verpflichtend eingeführt werden. Vor allem Beschäftigte in Branchen mit schwacher Mitbestimmung sollen dadurch besser geschützt werden.

Die Diskussion fällt in eine Phase wirtschaftlicher Unsicherheit. Laut einer repräsentativen infratest-dimap-Umfrage lehnen allerdings 63 Prozent der Arbeitnehmer:innen längere Arbeitszeiten zur Sicherung des Wohlstands ab. Trotzdem argumentieren Befürworter:innen der Reform, dass flexiblere Arbeitszeiten Unternehmen und Beschäftigten mehr Spielraum geben könnten.

Warum Expert:innen vor 73,5 Wochenstunden warnen

Besonders kritisch sehen Arbeitsrechtler:innen der Hans-Böckler-Stiftung die geplante Änderung. Ihre Berechnungen zeigen: Wenn lediglich die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden eingehalten wird und Pausen berücksichtigt werden, könnten Beschäftigte theoretisch bis zu zwölf Stunden und 15 Minuten täglich arbeiten.

Auf sechs Arbeitstage gerechnet entspräche das einer maximalen Wochenarbeitszeit von 73,5 Stunden. Gewerkschaften warnen deshalb vor wachsendem Druck auf Arbeitnehmer:innen. DGB-Chefin Yasmin Fahimi sprach sich deutlich gegen die Reform aus und warnte davor, dass Beschäftigte längere Arbeitstage kaum ablehnen könnten.

Auch gesundheitliche Risiken spielen in der Debatte eine zentrale Rolle. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz weist bereits ab 40 Wochenstunden auf steigende Risiken für Arbeitsunfälle sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin.

Rückschritt statt Vier-Tage-Woche?

Die Diskussion markiert einen deutlichen Stimmungswechsel im deutschen Arbeitsmarkt. Noch vor wenigen Jahren galt die Vier-Tage-Woche vielerorts als realistisches Zukunftsmodell. In Ländern wie den Niederlanden, Island oder Großbritannien werden Modelle kürzerer Arbeitszeiten bereits getestet oder teilweise umgesetzt.

In Deutschland dagegen rückt nun stärker die Frage in den Mittelpunkt, wie Produktivität, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden können. Für Startups und Wachstumsunternehmen könnte eine flexiblere Arbeitszeitregelung zunächst attraktiv wirken – insbesondere in Hochphasen oder bei international arbeitenden Teams.

Gleichzeitig wächst jedoch das Risiko von Überlastung, sinkender Arbeitgeberattraktivität und Konflikten rund um Work-Life-Balance. Gerade junge Fachkräfte achten zunehmend auf flexible und gesundheitsorientierte Arbeitsmodelle. Unternehmen dürften daher genau abwägen müssen, ob längere Arbeitszeiten tatsächlich ein Wettbewerbsvorteil sind.

Noch ist die Reform nicht beschlossen. Die kommenden Wochen dürften zeigen, wie stark Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Politik den finalen Gesetzentwurf noch verändern.